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(Un-)Treue im Spielfilm der 1950er bis 1970er Jahre

Michaela Scharf
Saarbrücken: Akademiker-Verlag 2014, 161 Seiten, Deutsch

Die vorliegende Arbeit untersucht Vorstellungsmuster und Bedeutungsebenen der partnerschaftlichen bzw. sexuellen (Un-)Treue im Spielfilm der 1950er- bis 1970er-Jahre und stellt verschiedene Facetten des Treuetopos und mögliche Sinn- und Bedeutungsverschiebungen dar. In Anlehnung an diskursanalytische Konzepte werden die in den ausgewählten Spielfilmen auffindbaren Aussagen zur partnerschaftlichen und sexuellen Treue erfasst, um einerseits den Konstruktionscharakter und die Geschichtlichkeit des Konzepts der Treue offenzulegen und andererseits zu zeigen, wie sich Filme an der Bedeutungsproduktion beteiligen und das soziale Wissen über (Un-)Treue mitkonstruieren. In der Annahme, dass das Medium Film kulturelle Vorstellungsmuster nicht bloß widerspiegelt, sondern diese mitgeneriert, wird danach gefragt, welches Bild Spielfilme, die im deutschsprachigen Raum zwischen 1949 und 1975 aufgeführt wurden, von der Treue zeichnen, wie sie diese bewerten und als soziale Norm verfestigen. Mittels der Strukturanalyse von 35 Spielfilmen können filmische Moralisierungsstrategien sowie dominante Sinn- und Bedeutungszusammenhänge zum Thema der (Un-)Treue erfasst werden. Die Verknüpfung von diskursanalytischen Ansätzen mit solchen der Skripttheorie erweist sich dabei als besonders ergiebig. Anhand der analytischen Kategorie des Untreue-Skripts, die all jene Handlungen umfasst, die in einer unter dem Begriff der Treue gerahmten Situation selbstverständlich aufgeführt werden, gelingt es, die sich im Handeln der Filmfiguren manifestierenden Bedeutungen zum Thema zu erschließen. Die im Film angebotenen Handlungsmuster bzw. Untreue-Skripte prägen nicht nur kulturelle Vorstellungen davon, wie in Bezug auf Untreue agiert werden kann, sondern auch die Bedeutung, die der Treue als sozialer Regel oder gesellschaftlicher Norm zukommt. Die Analyse ergibt, dass es auch in den 1960er- und 1970er-Jahren zu keinem gravierenden Bedeutungswandel der sexuellen sowie partnerschaftlichen Treueskripte im Film kam und die in der Forschungsliteratur postulierte Diskursverschiebung von einer Moralisierung bzw. Selbstverständlichkeit des Treueanspruchs hin zu einer Individualisierung desselben nur sehr vage abgebildet wird. Diskursanalytisch betrachtet kann deshalb angenommen werden, dass auch das Medium Film als sozialer Bedeutungsträger den Treuediskurs im deutschsprachigen Raum der 1950er- bis 1970er-Jahre wesentlich mitgestaltete. 

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