Von Banditen und Anständigen. Zum Widerstand gegen die „grünen“ Kapos von Mauthausen in den Erzählungen Überlebender
22 Mar 2025, 09:25 – 22 Mar 2025, 09:45
Gedenkstätte Buchenwald, 9427 Weimar, Deutschland
Vortrag von Alexander Prenninger auf dem Workshop “Widerstand revisited. Neue Perspektiven auf Gegner:innen des Nationalsozialismus“ der Gedenkstätte Buchenwald
Ähnlich wie in Buchenwald war auch die Erzählung über den Widerstand im KZ Mauthausen lange Zeit vom Narrativ des Kampfes der „roten“ gegen die „grünen“ Kapos geprägt. Der hier vorgeschlagene Beitrag zur Tagung „Widerstand revisited“ geht der Frage nach, wie Überlebende, die Anfang der 2000er Jahre interviewt wurden, über Kapos sprechen. Die Analyse basiert auf einer Auswertung des etwa 850 Interviews umfassenden „Mauthausen Survivors Documentation Project“ von 2002/03, in dem Überlebende des KZ Mauthausen in vielen europäischen Ländern, in Nord- und Südamerika und in Israel interviewt wurden.
Die vorgeschlagene Präsentation wird daher die Frage stellen, auf welche Weise die „grünen“ Kapos in den Interviews mit diesen Überlebenden dargestellt werden und ob bzw. in welcher Weise sich die Darstellung des Widerstands gegen die „grünen“ Kapos in Interviews, die in den 2000erJahren aufgenommen wurden, im verändert hat. Sie wird außerdem untersuchen, wie verschiedene nationale und/oder soziale Gruppen von Überlebenden über diese Kapos sprechen (z.B. jüdische/nicht-jüdische, männliche/weibliche, Langzeit-/Kurzzeit-Häftlinge etc.). Da die Interviews alle etwa zum gleichen Zeitpunkt geführt wurden, ist eine Vergleichbarkeit der Aussagen möglich bzw. wird der Frage nachgegangen, welchen Einfluss etwa die „passive Wende“ im Opfergedenken oder der Zusammenbruch der kommunistischen Regime auf die Erzählungen hatten? Welche Rolle spielte die „longue durée“ sozialrassistischer Vorurteile gegen „kriminelle“ und „asoziale“ Häftlinge?
Anhand eines Vergleichs von Zeugnissen der frühen Nachkriegszeit mit den MSDP-Interviews soll gezeigt werden, wie die unmittelbar nach 1945 entstandene „orthodoxe“ Erzählung über „kriminelle“ Kapos als Handlanger der SS, als Banditen, brutale Sadisten und Psychopathen und in manchen Ländern wie Österreich oder Frankreich auch noch die Sichtweise Überlebender Anfang der 2000er Jahre prägte. Gleichzeitig zeigt sich in den Interviews aber auch die Brüchigkeit der alten, meist von Überlebendenorganisationen tradierten Meistererzählung, wenn Überlebende über ganz persönliche Erfahrungen mit „kriminellen“ Kapos sprechen. In den späten, um die Jahrtausendwende entstandenen Erzählungen dominiert dagegen häufiger die Schilderung der „grünen“ Kapos als ambivalente Figur, als durchaus auch anständige Menschen. Ein dritter Aspekt behandelt schließlich die Frage, wie Überlebende begründen, selbst Funktionshäftlinge geworden sind. Im Vordergrund steht hier, in welcher Weise die Übernahme von Funktionen im KZ als Widerstand, als Solidarität bzw. als eigennütziges Handeln, sich durch Privilegien das Überleben zu sichern, interpretiert wird.
Veranstalter:
Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora
KZ-Gedenkstätte Neuengamme (Zeitschrift „Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung“)