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Karsten-Witte-Preis 2021 für Fabian Schmidt

Die Jury des Karsten-Witte-Preises (Heike Klippel, Franziska Wagner, Anke Zechner) vergibt die Auszeichnung für den besten filmwissenschaftlichen Aufsatz 2021 an Fabian Schmidt für „The Westerbork Film Revisited – Provenance, the Re-Use of Archive Material and Holocaust Remembrances“, erschienen im Historical Journal of Film, Radio and Television, Vol. 40, Nr. 4, 2020, S. 702-731. [Information und Text: AG Filmwissenschaft in der Gesellschaft für Medienwissenschaft]

Der Aufsatz leistet eine kritische Auseinandersetzung mit den als Westerbork-Film bekannten Aufnahmen, die im Holocaust-Durchgangslager Westerbork in Holland gemacht wurden. In vielfältige filmische Kontexte aufgenommen und im Laufe der Geschichte unterschiedlich interpretiert, zählen sie zu den bekanntesten dokumentarischen Repräsentationen des Holocaust. Dabei wurde in der Regel implizit vorausgesetzt, um welchen Materialkorpus es sich handelt und was er zeigt. Die große Leistung des Beitrags von Fabian Schmidt besteht darin, all dies zu hinterfragen und durch eine sorgfältige Archiv-Recherche und Analyse herauszuarbeiten, dass dieses – und dokumentarisches Filmmaterial allgemein – unabwendbar der Verkennung unterliegt, sobald es als Beleg eingesetzt wird. Damit wird einerseits ein neues Licht auf den vermeintlich bekannten Westerbork-Film geworfen und zugleich der Evidenz-Eindruck von Filmdokumenten als historisch-theoretisch unangemessen herausgestellt: „These pictures never proved anything. By attributing the burden of proof to these images and films, the Holocaust remembrances make themselves vulnerable to denial and doubt.“ (S. 725)

Schmidt arbeitet heraus, worin das Westerbork-Material besteht, wer – soweit es sich rekonstruieren lässt – die gezeigten Personen sind, welche Situationen dargestellt werden und wie stark sie selektiert sind; außerdem entwickelt er aus der Untersuchung der verschiedenen Sequenzen heraus begründete Hypothesen über die Entstehung der Aufnahmen. Dies wird erkenntnisreich mit Abbildungen, Grafiken, Archivnachweisen und Argumentationen belegt. Der Autor schält sozusagen den Westerbork-Film aus seinen verschieden montierten/gekürzten Versionen und aus den Verwendungen in anderen Filmen heraus, ohne jedoch eine Argumentation der ‚Eigentlichkeit‘ zu verfolgen. Es wird vielmehr gezeigt, welche Schwerpunktsetzungen bezüglich des Holocaust historisch wechselten und inwiefern die Verwendung des Westerbork-Materials deren Narrative unterstützte. Dabei geht es Schmidt nicht um ‚richtig‘ oder ‚falsch‘, sondern darum, ein Verständnis für Geschichte und den Umgang mit Filmdokumenten zu schaffen. Es werden Hypothesen entwickelt und Kontexte aufgezeigt, die kritisch geprüft werden, so dass Schmidts Aufsatz auf vorbildliche Weise für eine historisch-kritische Filmwissenschaft einsteht.

Eines der hervorstechendsten Charakteristika des Westerbork-Films ist, dass er keine Gräuel, sondern vor allem gut organisierte, glatte Abläufe zeigt, insbesondere bei der Abfahrt eines Gefangenen-Transports. Schmidts hervorragende Analyse und Durchdringung des Materials deckt auf, in welchem Ausmaß der Westerbork-Film daran arbeitet, den Schrecken des Holocausts zu verleugnen und wie sehr er propagandistisch ausgerichtet ist, ohne dass dies direkt wahrnehmbar wäre. Dabei erläutert er die entsprechenden Zusammenhänge und Hintergründe und deckt zugleich die Grausamkeit auf, wenn er auf die Güterwagen verweist, die bereits verschlossen und voller Menschen sind, die nicht mehr zu sehen sind. Besonders eindrucksvoll interpretiert er die Aufnahme eines Mädchens, das aus einem der Wagen herausschaut und die unter anderem deshalb berühmt wurde, weil sie von Alain Resnais in Nuit et bruillard verwendet wurde: Neben der Frage der Identität des Mädchens stellt sich auch die nach der Identität derjenigen, die die Kamera führten. Letztere ist nicht endgültig aufklärbar, aber Schmidt nimmt nicht nur empathisch im Blick des Mädchens wahr, dass es in den Personen vor dem Zug seine Peiniger erkennt. Gerade dieses Bild, das zwar als „Jewish Girl“ um die Welt ging, aber eigentlich die Sinti Settela abbildet, zeigt auf, wie sehr die Bilder des Westerbork-Films zunächst einfach als Material genutzt wurden, ohne ihn filmwissenschaftlich und historisch zu analysieren.

Ein Versäumnis, das Schmidt mit seinem Aufsatz in überzeugender Weise nachholt. 

Textquelle: http://ag-filmwissenschaft.de/karsten-witte-preis/bisherige-preistraeger/