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Projekt: Wer waren die illegalen Nazis? Kollektivbiografische und sozialstrukturelle Untersuchungen zum Nationalsozialismus in Österreich von 1933 bis 1938

Projektförderung: Zukunftsfonds der Republik Österreich, P15-1960
Projektdauer: 01.04.2015–31.10.2017
Projektleitung: Kurt Bauer


“It is only by identifying as precisely as is possible those who were Nazis that one can give a meaningful and convincing answer to the question of why they were Nazis.”
Detlef Mühlberger, Hitler’s Followers, S. 207 f.

Fasziniert vom schier unaufhaltsamen Aufstieg der NS-Bewegung im Deutschen Reich und der wirkungsmächtigen sozialen Verheißung einer kommenden „Volksgemeinschaft“ gerieten in den frühen 1930er-Jahren Hunderttausende Österreicher und Österreicherinnen in den Bannkreis der Nazi-Ideologie. Gerade in seinem sozialen Appell war der Nationalsozialismus allen anderen politischen Bewegungen überlegen. Es entstand – zumindest vorübergehend – eine Bewegung von beträchtlicher sozialer Spannweite. Die verzweifelten Bemühungen des österreichischen „Ständestaates“, ein Gegenmodell auf katholisch-autoritärer Basis zu entwickeln, gingen ins Leere. Auch die seit Februar 1934 verbotene Sozialdemokratie wusste dem erschreckenden Abfluss von enttäuschten Anhängerinnen und Anhängern zu den Nationalsozialisten wenig entgegenzusetzen.

Ziel des Projektes ist es, ein Sozialprofil jener Generationen zu erstellen, die sich zwischen 1933 und 1938 in Österreich dem Nationalsozialismus zuwandten. Während die nationalsozialistische Dynamik nach dem „Anschluss“ rasch erlosch, lässt sich in der Epoche davor („Verbotszeit“) das ganze Bündel der auf den Nationalsozialismus verweisenden Motive und Argumentationen ohne Beeinträchtigung deuten. Es zeigt sich, für welche sozialen und Altersgruppen, für welche Milieus und Schichten, in welchen Regionen der Nationalsozialismus besonders attraktiv war und wie die nationalsozialistische Massenmobilisierung funktionierte.

Zur Realisierung des Projektes stehen mehrere Datenbanken zur Verfügung. Diese Datenbanken enthalten Angaben zu insgesamt mehr als 15.000 Personen, die aus den Aktenbeständen der österreichischen Sicherheitsbehörden (Generaldirektion für die öffentliche Sicherheit, BKA-Inneres) generiert wurden. Es handelt sich in erster Linie um die Daten der nationalsozialistischen Häftlinge der österreichischen Anhaltelager 1933–1938 (rund 8.400 Personen), weiters um ungefähr 2.500 Beteiligte am nationalsozialistischen Juliputsch 1934 sowie ungefähr 1.300 illegale Nationalsozialistinnen und Nationalsozialisten aus Wien 1933–1938.

Eine Datenbank von ungefähr 3.100 sozialdemokratischen und kommunistischen Anhaltehäftlingen soll im Rahmen des Projektes ebenfalls ausgewertet werden. Anhand dieser Auswertung kann analysiert werden, ob und welche Unterschiede und Überschneidungen in sozialstruktureller, generationaler, konfessioneller etc. Hinsicht zwischen diesen gegensätzlichen politischen Richtungen bestanden.

Das Projekt wurde am Ludwig Boltzmann Institut für historische Sozialwissenschaft (LBIHS) begonnen und wird seit 1. Juli 2017 am Ludwig Boltzmann Institut für Geschichte und Gesellschaft (LBIGG) zu Ende geführt.


Bild: Nationalsozialistische Juliputschisten in St. Andrä im Lavanttal, Kärnten, 27. Juli 1934.
Bildquelle: Otto Reich von Rohrwig: Der Freiheitskampf der Ostmark-Deutschen. Von Saint-Germain bis Adolf Hitler. Graz, Wien, Leipzig 1942. Unpaginierter Bildbogen.